Neues AB-Portrait – online only: Hugo, 40, in der Psychiatrie tätig

Wieviel Erfahrung darf man haben, um noch als Absolute Beginner zu gelten? Das steht natürlich in keinem Gesetz, aber Betroffene diskutieren sich darüber die Köpfe heiß. Hugo hat mit drei Frauen geschlafen, wenige Male, und dazwischen 25 Erwachsenen-Jahre allein verbracht. So genannte Hardcore ABs sagen: „Na, der ist doch nicht mehr unerfahren! Wenigstens hat er das eine oder andere Erlebnis, an das er zurückdenken kann, während ich die nicht habe!“ Aber mit dem Sex ist das wie mit einem Urlaub. Was bleibt davon übrig außer vagen Erinnerungen? Und was helfen die einem im einsamen Alltag? Hugo jedenfalls hat Phasen erlebt, in denen er sich selbst verletzte. Aber er hat sich auch wieder gefangen. Lest selbst und hinterlasst eure Meinung: Ist jemand wie Hugo ein AB?

„Es ist für mich keine Krankheit mehr, ohne Freundin dazustehen“

Unerfahrenheit wird schnell gleichgesetzt mit Einsamkeit. Dabei muss ein Unerfahrener nicht zwangsläufig einsam sein. Ich bin nicht einsam. Ich habe unerfüllte Sehnsüchte. Und ich will natürlich auch nicht behaupten, dass ich es schön finde, der einzige zu sein, der nach einem lustigen Abend mit Freunden allein nach Hause geht, während sich alle anderen zu zweit auf den Weg machen. Aber das lässt mich nicht verzweifeln. Nicht mehr. Umgekehrt spreche ich auch nicht gern von einem „erfüllten“ Leben, das ist mir dann doch zu hoch gegriffen. Ich führe ein Leben, mit dem ich zufrieden sein kann. Ein Leben mit einem stabilen Freundeskreis, der viel auffängt und in dem ich ein wichtiger Bestandteil bin. In dem meine Unerfahrenheit kein Thema ist, außer wenn ich doch mal mit einer Frau gesehen werde. Dann gibt es immer ein großes Geplapper. Aber sonst: Wenn ich allein komme, komme ich eben allein. Wir kochen zusammen oder spielen Gesellschaftsspiele, einige meiner Freunde kenne ich auch aus dem „Weltladen“, wo wir mit 30 Leuten völlig unterschiedlichen Alters ehrenamtlich fair gehandelte Produkte verkaufen. Ich vergrabe mich nicht zu Hause, ich komme unter Leute und lerne auch immer mal wieder neue kennen, Bekannte von Freunden, Freunde von Bekannten, nur eine Frau für mich war bisher noch nicht dabei.

Wenn ich, was selten genug vorkommt, die Motivation entwickele, mich auf Partnersuche zu machen, gehe ich in Clubs, in denen auch Menschen in meinem Alter zum Tanzen unterwegs sind, und versuche dort mein Glück. Erwarte aber nicht viel. Die Frauen, die vom Alter her für mich infrage kämen und bei denen ich es zumindest für möglich halte, dass sie sich für mich interessieren könnten, sind alle in „Kinderstimmung“. Entweder haben sie schon welche, um die ich mich mit kümmern müsste, oder sie wollen unbedingt bald welche bekommen. Solche Frauen sind nichts für mich, ich will keine Kinder haben. Aber wenn ihre „Kinderstimmung“ der Grund dafür ist, dass ich keine finde, dann ist mir das lieber als wenn sich gar nicht erst eine für mich interessiert.

Bis 35 hielt ich es nicht für möglich, dass sich jemals eine Frau in mich verlieben könnte. Ich hatte resigniert. Immer abends kam es über mich: Ich saß im Bett, schluchzte und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Der blutete dann zwar nicht, aber tat sehr weh. Damals wusste ich noch nicht, dass meine Unerfahrenheit nur ein Symptom war für ein viel größeres Problem, das in meinem gesamten Ich lag. Ich litt, wirklich: Ich litt. Vor allem, weil ich mich so hässlich fühlte. Damals hatte das Aussehen so ein immenses Gewicht. „So scheiße und langweilig wie du aussiehst“, dachte ich, „hast du absolut null Chancen bei den Frauen.“ In der Zwischenzeit habe ich mich zwar kaum verändert, aber ich fühle mich trotzdem nicht mehr hässlich. Kann das realistischer sehen: Ich bin nicht der Schönste, ich sehe aber auch nicht schlimm aus. Ich mache jetzt einfach die Augen auf und sehe, dass ich nicht schlechter abschneide als andere, die keine Traumtypen sind und trotzdem eine Freundin haben. Mit meinem Aussehen habe ich mich ausgesöhnt. Und den Gruppenzwang, den empfinde ich jetzt auch nicht mehr so. Vor zehn oder fünfzehn Jahren wollte ich unbedingt eine Freundin haben, weil alle eine hatten. Da leidet man doppelt. Erst seitdem ich die Augen aufmache, sehe ich, was in den Beziehungen überall für ein Chaos herrscht. Dass sie gar nichts mit dem idealisierten Daseinszustand zu tun haben, den ich mir früher immer ausgemalt hatte.

Meine Stimmungslage verläuft in hormongesteuerten Zyklen, so ähnlich wie bei den Frauen. Nur dass meine Zyklen zwei Monate dauern. Das weiß ich, weil ich mal ein Jahr lang jeden Tag drei Dinge aufgeschrieben habe: Wie groß ist meine Lust auf Sex, wie stark ist mein Bartwuchs und wie oft muss ich duschen, weil mich mein Körpergeruch stört. Die Sozialpädagoginnen in meinem Wohnheim hatten mich darauf gebracht, die sprachen damals von nichts anderem als von ihren lebensbestimmenden Zyklen. Das Ergebnis meiner kleinen Studie war unglaublich eindeutig: Immer wenn alle drei Variablen, also Sexbedürfnis, Bartwuchs und Körpergeruch, im oberen Bereich der Sinuskurve liegen, sehne ich mich ganz besonders stark nach einer Freundin. Dann kommen mir die Vorteile des Alleinseins, die ich sonst so genieße, wie Schönrederei vor. So eine Phase habe ich gerade hinter mir. Das ist dann nicht unbedingt eine schlechte Zeit, ich bin einfach nur nervöser, aktiver, reizbarer drauf als sonst und habe dabei nicht mal schlechte Laune. Nervös, aktiv und reizbar zu sein, kann auch ganz nett sein. Im Moment gehen die Werte aber wieder nach unten.

Wenn mein Zyklus ein Niedrigplateau erreicht, komme ich wunderbar mit mir alleine klar. An manchen Tagen macht mir meine Beziehungslosigkeit wirklich überhaupt nicht zu schaffen. Die Vorteile des Alleinseins scheinen dann zu überwiegen: Ich muss nicht ständig alles ausdiskutieren. Ich bin frei in meinen Entscheidungen. An den Beziehungen in meinem Umfeld beobachte ich, dass oft ein Partner gewaltig zurücksteckt, um den anderen nicht zu behindern. Das ist überhaupt nicht mein Ding, ich brauche meine Freiheit, ich will in einer Beziehung auf gar keinen Fall derjenige sein, der immer nachgibt. Andererseits weiß ich aber aus Erfahrung, dass ich dazu neige, mich vereinnahmen zu lassen. Man kann mich ganz gut lenken, indem man mir Schuldgefühle einredet. Darum befürchte ich, dass ich in einer Beziehung unwillkürlich doch derjenige wäre, der von der Partnerin gesteuert wird. Und das ist vielleicht mit ein Grund, warum ich mich nicht allzu furchtbar anstrenge, eine Freundin zu finden. Warum ich ein wenig lustlos nach Unternehmungen fahnde, bei denen ich Frauen kennen lernen könnte.

Ganz egal, ob es mir gerade gut oder schlecht geht: Ich weiß inzwischen auch, dass mein Unglück, also mein angeknackster Seelenzustand, damals nicht in der abwesenden Freundin saß, sondern in mir selbst, und dass es mit in die Beziehung eingezogen wäre, wenn ich eine Freundin gehabt hätte. Erst jetzt kann ich das Unglück aktiv von mir schieben und meine Situation ohne Druck betrachten. Ich hätte auch heute mit 40 gern eine Beziehung, aber mich blendet nicht mehr der zerfleischende Wunsch danach. Es ist für mich keine Krankheit mehr, ohne Freundin dazustehen. Um an diesem Punkt anzukommen, habe ich die ganzen Jahre bis heute gebraucht. Ich brauchte die Zeit, ich brauchte den Entwicklungsprozess, um zu kapieren: Ich komme auch allein zurecht. Diese Erkenntnis macht mich viel reifer als früher. Im Grunde macht sie mich auch jetzt erst reif für eine Beziehung. Denn wer sich selber mag, für den ist es leichter, mit seiner Unerfahrenheit umzugehen, und der hat zumindest erst mal eine gesunde Grundlage geschaffen, um eine Freundin zu finden.

Völlig unerfahren bin ich nicht. Jemand, der weder jemals eine Beziehung gehabt hat, noch jemals mit jemandem geschlafen hat, wird vielleicht sogar finden, ich hätte ziemlich viel Erfahrung. Aber was nutzen mir diese Erfahrungen, wenn sie überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was ich mir unter einer Beziehung oder Sex vorstelle? Meine Erfahrungen sind allesamt halbgare Episoden, keine einzige davon war mit Glück verbunden, keine einzige lang und echt genug, um von einer erwachsenen Beziehung zu sprechen, die durch dick und dünn gegangen ist.

Also: Nachdem ich mich in meinen Teenagerjahren wie die meisten anderen Spätzünder-Jungendlichen in meiner 100 000-Einwohner-Heimatstadt unzulänglich, unverstanden und einsam gefühlt hatte, kam ich mit 23 mit Conny zusammen. Sie war 21. Unsere gemeinsamen anderthalb Jahre kann ich mit einem einzigen Wort zusammenfassen: schwierig. Genau genommen war das noch nicht mal eine Beziehung im beidseitigen Einvernehmen. Ich hatte mich nicht für sie entschieden oder gar in sie verliebt, ich ließ das Ganze nur mit mir geschehen. Ich könnte mich noch nicht mal damit herausreden, dass ich die Beziehung ganz bewusst nur eingegangen wäre, um endlich auch eine zu haben und mitreden zu können. Nein, ich bin nichts eingegangen, es ist etwas mit mir geschehen und ich habe nicht interveniert. Conny hatte meinetwegen ihren Freund sausen lassen, da schien es mir angebracht, seinen Platz dann auch einzunehmen. In Sachen erotische Anziehungskraft: Fehlanzeige. Nicht dass sie abstoßend gewesen wäre, aber sie törnte mich eben auch nicht an. Das habe ich ihr bis heute nie gebeichtet. Wir versuchten, miteinander zu schlafen, aber bei mir regte sich körperlich nichts. Der Druck, ein funktionierendes Sexleben haben zu müssen, weil wir nun mal ein Paar waren, artete zum reinsten Stress aus. Anfangs wusste ich gar nicht wie mir geschah. Das hätte schon alles seine Richtigkeit, glaubte ich, und es würde schon alles gut werden, wenn ich mich nur ein wenig anstrengte. Dann ging mir auf, und da gab es gar keinen konkreten Auslöser, dass das mit Conny und mir nie was werden würde, und ich hätte die Geschichte am liebsten schnellstens wieder beendet. Aber ich wusste nicht wie. So war Conny diejenige, die dann irgendwann aussprach, dass wir nicht füreinander geschaffen waren. Ich war erleichtert und fiel trotzdem in ein Loch. Kein gutes Gefühl. Wir hatten beide Schwierigkeiten, mit der neuen Situation klarzukommen. Arbeiteten ein ganzes Jahr lang daran, unsere Freundschaft wieder zu flicken. Aber es hat sich gelohnt. Wir sind heute noch befreundet.

Erfahrung Nummer zwei war eine zweimonatige Affäre. Mit dieser Frau bin ich wiederum nur zusammengekommen, weil sie mich dem größten Frauenverführer unter meinen Freunden vorzog. Er und ich verknallten uns andauernd in dieselben Frauen, aber dass sich diese eine für mich entschied, war die große Ausnahme. Der Frauenverführer, mit dem ich übrigens heute zusammen in einer WG wohne, ist der Typ Mann, der immer eine Freundin hat. Das genaue Gegenteil von mir. Trennt er sich von einer, dauert es keine zwei Tage und er schleppt die nächste an. Heute ist das kein Problem mehr für mich. Ich kann seine Anmache inzwischen auswendig nachsprechen, aber das nutzt mir nichts. Bei mir würde keine Frau darauf anspringen. Das Besondere an meinem Freund ist nicht seine Flirtstrategie, sondern die Tatsache, dass er es nicht für möglich hält, dass sich eine Frau nicht in ihn verlieben könnte. Er ist derjenige, der sich die Frauen aussucht, und die beten ihn dann an. Basta. Heute kann ich darüber schmunzeln, aber in meinen Leidensjahren war das schwer mitanzusehen. Einziger Lichtblick: die eine Frau, die sich für mich entschied. Nur: Mit ihr war das auch nichts. Keine Erfahrung, die zählt. Ja, wir haben Sex gehabt. Aber mir ging das alles viel zu schnell. Sie wollte Action. Ich bin langsam, ich wollte mich rantasten. Wir waren nicht kompatibel, wir brachen die Affäre ab. Ein paar Wochen lang war ich traurig, konnte mich aber damit trösten, dass sie für mich nicht verloren war. Im Grunde musste ich mir eingestehen, dass Sex und der Stressfaktor Liebe nie das gewesen war, was ich von ihr gewollt hatte. Ich hatte ernsthafte Freundschaft gewollt, und die habe ich dann auch bekommen. Sie hält, genau wie die mit Conny, bis heute.

Vor sieben Jahren begann ich eine vage Liaison, die sich über zwei Jahre hinziehen sollte, mit einer Freundin, die ich davor schon sieben Jahre kannte: Annette. Wir hatten Sex. Entspannten, schönen Kuschelsex, den ich sehr genoss, und der zu der einen Erfahrung in meinem Leben geworden ist, von der ich bis heute zehre. Aber meine Sehnsucht hat er nicht gestillt. Unser vorsichtiger Teenagersex konnte auf Dauer nicht alles sein, was ich erleben wollte. Und eine Beziehung war das schon gar nicht. Erstens war ich für Annette nie der Mann ihrer Träume gewesen. Zweitens hatte sie eine vernichtende Kindheit hinter sich, entwickelte Ängste, mit denen ich überhaupt nicht umgehen konnte. Ich wusste, dass das mit uns nicht weitergehen konnte. Sie hatte viel zu viel mit sich selbst zu tun und ich konnte das als Lebenspartner nicht alles auffangen. Sie ist heute meine engste Freundin.

Erfahrung Nummer vier war eine aufregende Miniaffäre mit einer Frau, für die ich allerdings ungefähr Mann Nummer 350 war. Auch sie war mit sich selbst nicht im Reinen und darum zählt auch diese Episode nicht.

Hintereinander aufgelistet mag mein Liebeslebenslauf nach viel Erfahrung klingen, besonders für einen, der sich als unerfahren bezeichnet. Aber man muss das mal nachrechnen: Ich bin vierzig. Ich hatte vier Frauen, davon habe ich mit keiner einzigen eine echte Beziehung geführt. Mit dreien von ihnen geschlafen, es mit zweien genossen und zwischen diesen Geschichten habe ich 25 Jahre allein verbracht. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn ich mich zu den Unerfahrenen zähle.

Ich habe die Hoffnung, dass mir die Gelegenheit, mich in Liebesdingen auszuprobieren, erst noch bevorsteht. Eine Art verspätete Pubertät. Vielleicht kommt meine große Zeit mit 50, kann doch sein. Die Frau, die zu mir passt und von der ich hoffe, dass sie mir noch begegnet, müsste akzeptieren, dass ich keine Familie gründen will. Ich mag Kinder, aber nicht bei mir zu Hause. Diese ganzen Sorgen, die man sich um sie macht, die könnte ich nicht ertragen. Die Frau, die zu mir passt, müsste auch akzeptieren, dass ich meine Freiheit nicht eingeschränkt sehen will. Mitte Dezember fliege ich für zwei Monate nach Afrika. Ich will die Kalahari sehen, weil mich das Wort schon mit fünf Jahren fasziniert hat. Ich will in Kampala einen Bekannten besuchen, der dort eine Farm besitzt. Ich habe eine Leidenschaft für Eisenbahnen und eine für die Krimis von Alexander McCall Smith, die in Gaborone in Botswana spielen. Also werde ich mir auch die Bahnfahrt von Kampala bis zu dem wunderschönen Bahnhof in Gaborone nicht entgehen lassen. Das alles könnte ich mit Kindern oder einer Partnerin, die klammert, abhaken. Für die richtige Frau würde ich mich in meinen Freiheiten wohl auch einschränken, aber dazu wäre ich erst bereit, wenn ich wüsste, dass sie sie mir grundsätzlich lassen würde. Die Frau, die zu mir passt, müsste verstehen, dass eine Beziehung Balance bedeutet. Ich werde von den Frauen gern als der Bruder mit den Schultern zum Anlehnen und Ausheulen benutzt. Vielleicht weil ich so grundsolide und verlässlich wirke. Und weil ich ja auch wirklich gut zuhören und Trost spenden kann. Nur will ich das nicht immer tun. Ich bin auch mal anlehnungsbedürftig.

Allerdings: So groß ist meine Sehnsucht nach Nähe und vor allem Zweisamkeit dann doch nicht. Mit meiner Freundin alleine zusammenzuwohnen, kommt für mich überhaupt nicht infrage. Ich bin zwar kein Familienmensch, aber ich brauche schon eine Art Gemeinschaft um mich herum, um mich wohl zu fühlen. Die Zweier-WG, in der ich im Moment wohne, ist für mich kein Trostpreis oder Ersatz für die entgangene Nähe einer Ehe mit Reihenhäuschen, sondern eine gleichberechtigte Alternative. Im Grunde ist sie mir schon fast zu klein. Ich könnte mir sehr gut ein noch größeres Wohnprojekt vorstellen, eine Art Hippiekommune. Da würde ich dann neun Monate im Jahr den Hausmann spielen und die restlichen drei in der Weltgeschichte herumtingeln. Ich weiß gar nicht, ob ich meine Freundin in dieser Gemeinschaft gern dabei hätte. Wahrscheinlich hätte ich nichts dagegen, wenn sie nicht nur mir zuliebe einziehen würde, sondern weil sie es selbst für eine erstrebenswerte Lebensform hält. Wenn nicht, dann sollte sie lieber in ihrer eigenen Wohnung leben, dürfte aber kein Problem mit der Nähe zwischen mir und den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft haben. Sie dürfte mir meinen Wohntraum nicht verderben.

Die Frau, die zu mir passt, sollte bereits einige Beziehungen und Sexpartner erlebt haben.  Mit einer Unerfahrenen würde ich schon allein deshalb nicht zusammen sein wollen, weil ich dann Angst hätte, die Erfahrungen, die sie mit mir sammeln kann, würden ihr nicht reichen. Sie würde bei mir Blut lecken und dann auf die Idee kommen: „Das ist ja schon mal ganz gut, aber das kann doch noch nicht alles gewesen sein, was es zu erleben gibt!“ Und noch etwas spricht für eine erfahrene Frau: Sie soll mir richtig noch was beibringen. Ich will Sex lernen. Zwar weiß ich immerhin schon, dass ich den Kuschelsex mit Annette damals mochte, während der Actionsex mich überforderte, aber dazwischen muss es noch tausend Dinge geben, die mir Spaß machen würden. Die mir jetzt nicht akut fehlen können, weil ich mir gar nicht ausmalen kann, was das sein sollte. Das müssen Dinge sein, die beiden Spaß machen, denn ich will mich nicht zum Dienstleister für die Frau ausbilden lassen. Ich will für mich selbst lernen, weil ich bisher auf diesem Gebiet einfach nichts zu bieten habe. Die Frauen in meinem Bekanntenkreis beteuern zwar alle, dass sie auf romantischen Sex stehen, aber ich glaube ihnen das nicht. Denn wenn sie mal richtig ins Schwärmen geraten, dann geht es meist nicht um eine ruhige Nacht mit Kuscheln und Kerzenschein, sondern dann steckt ein wildes Abenteuer dahinter. Ich hätte gern ein breites Repertoire, sodass ich von beidem etwas bieten könnte. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, zu einer Prostituierten zu gehen. Aber dann war es mir doch zu teuer. Außerdem stellte ich mir die schreckliche Demütigung vor, wenn ich an eine total gelangweilte Frau geraten sollte, die emotionslos ihre Dienstleistung an mir erbringt. Schauerlich. Trotzdem kann ich mir immer noch vorstellen, dass ich es irgendwann machen werde, aber da müsste zumindest ein Hauch von gegenseitiger Zuneigung zwischen uns zu spüren sein, sonst geht bei mir gar nichts.

Manchmal werden meine Wünsche wohl etwas unüberschaubar: Ich hätte gern eine Freundin, aber ich kümmere mich nicht so richtig drum, eine zu suchen, denn dann könnte ich ja eine finden. Und davor habe ich Angst. Seit ich mich mit mir selbst arrangiert habe und es tatsächlich für möglich halte, dass eine Frau etwas an mir finden könnte, habe ich manchmal gedacht, dass es einfacher wäre, mit einer meiner engeren Frauenfreundinnen Erfahrungen zu sammeln. Die kenne ich ja schon, und sie kennen mich. Da bleibt weniger Raum für böse Überraschungen. Ich würde es noch nicht mal ausschließen, dass eine von ihnen vielleicht wirklich Interesse an mir haben könnte. Aber ich frage nicht, ich will mir nichts kaputtmachen.

Zumindest ist es beruhigend zu wissen, dass ich nicht mehr befürchten muss, in den Zustand der Hoffnungslosigkeit zurückzugleiten, den ich zwischen 20 und 35 erlebte. Das ist ein für allemal vorbei. Dazu bin ich mit mir selbst zu weit gekommen. Unter anderem durch zwei Gesprächstherapien, die sich jeweils über drei Jahre hinzogen. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Meine Kindheit hat mich zwar geprägt und zu dem gemacht, der ich jetzt bin, aber das bedeutet nicht, dass ich diese Prägung nicht durchbrechen kann. Ich bin kein hilfloser Junge mehr, ich kann mich ändern. Und vor allem: Nur ich selbst kann mich ändern. Sauer auf meine Eltern zu sein bringt nichts. Jahrelang habe ich ihnen im Stillen meine einsame Kindheit vorgeworfen, bei uns war Zweck-WG statt Familie angesagt. Ein paar Menschen ohne jede persönliche Bindung waren wir, die wenn überhaupt nur in spöttischem Tonfall miteinander kommunizierten. Kurz gesagt: Meine Eltern hätten sich besser nie kennen gelernt. Ich glaube nicht, dass es mich dann nicht gäbe. Ich wäre schon irgendwo geboren worden. Meine Kindheit ist sicherlich nicht der einzige Grund für meine Schwierigkeiten mit den Frauen, aber irgendeinen Zusammenhang wird es da schon geben. Die Folgen auszubügeln, das liegt jetzt bei mir, das kann ich nicht von meinen Eltern erwarten. Die tun mir inzwischen nur noch leid. Ich habe erkannt, dass ich sie nicht brauche, und den Kontakt abgebrochen. Und wenn wir doch eines Tages wieder miteinander sprechen würden, wäre meine Beziehungslosigkeit bestimmt nicht unser Thema.

Nach meinen guten Erfahrungen, kann ich nur jedem Unerfahrenen empfehlen, eine Therapie zu machen. Da kann eigentlich nur eines den Erfolg behindern: falsche Erwartungen. Wenn ich sage: „Heute fange ich mit der Therapie an und nächsten Sommer werde ich dann mit meiner ersten Freundin im Sonnenuntergang am Meer sitzen!“, dann ist dieser Versuch schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das kann nur was werden, wenn man offen für alles, was da auf einen zukommen mag, an die Sache herangeht. Das Ziel muss sein, mit sich selbst klarzukommen. Auch wenn es schwer fällt zu akzeptieren, dass bestimmte gesellschaftliche Standards ausgerechnet für einen selbst nicht zum Standardprogramm gehören sollen: Wenn es nun mal so ist, dann muss man das auch einsehen. Niemand hat das Recht, von einer bestimmten Person geliebt zu werden, nur weil er sie sich ausgesucht hat. Da hilft es auch nichts, irgendwelche Flirtseminare zu besuchen, bei denen man das Frauenaufreißen lernt. Spätestens wenn man dann mit der Frau zu Hause sitzt, werden einen die Probleme wieder einholen. Um die muss man sich zuerst kümmern. Da gibt einem zwar keiner die Garantie, dass man am Ende eine Freundin hat. Aber die Aussicht auf das Ende des Kampfes gegen sich selbst ist doch auch schon erleichternd.

Als ich jetzt erfuhr, dass ich zu einer richtigen Randgruppe gehören soll, für die es sogar eine eigene Bezeichnung gibt, hat mich das ziemlich überrascht. Aber mehr auch nicht. Das ist nicht so wichtig. Unerfahren zu sein ist eine private Angelegenheit, die private Gründe hat, und kein Betroffener kommt darum herum, sich mit sich selbst darüber auseinander zu setzen. Einfach nur zu wissen: Ich gehöre zu einer Gruppe und kann mich jetzt gemeinsam mit den anderen ausheulen, reicht nicht. Mir hat es damals geholfen, Erich Kästners „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ zu lesen. Der Titelheld tingelt einsam durchs Leben, fasst dann immer mehr Fuß und stirbt am Ende doch, so wie er es die ganze Zeit vorgehabt hat, aber ironischerweise bei einem Unfall, der nur durch seinen neuen Bezug zum Leben passieren konnte. Mit Fabian konnte ich mich identifizieren und mich selbst ein bisschen aus der Außenperspektive betrachten. Das ist immer gut. Mal zu überlegen, wie man wirkt. Mit seiner Aufmachung, seinen Einstellungen. In der Psychiatrie, wo ich arbeite, sehe ich viele junge Menschen, die alle dasselbe Klagelied singen: „Keiner hat mich lieb!“ Da denke ich: „Guck dich doch mal an! Natürlich hat dich keiner lieb! So wie du dich gehen lässt, hättest du dich selber auch nicht lieb, wenn du dir begegnen würdest!“ Sagen werde ich das hoffentlich nie, das wäre eine massive Schuldzuweisung und die würde keinem helfen. Aber manchmal glaube ich wirklich, dass da jemand nur die Macht ausnutzt, die ihm das Jammern verleiht.

Das Leben heutzutage ist aber auch kompliziert. Kein Wunder, dass man sich da manchmal nicht zurechtfindet. Dieser Druck aus allen den Richtungen, aus denen es einem entgegen ruft wie man zu sein hat, der verstärkt die Unsicherheit, die anfangs eine ganz normale Charaktereigenschaft war. Und immer wird, besonders in den Medien, so getan, als gäbe es für jedes Problem eine Lösung. Frauenzeitschriften bringen zehn Supertipps wie das mit der Partnersuche garantiert klappt. Für mich hat das was von einer Autoreparatur. So funktioniert doch aber der Mensch nicht. Wir beobachten, wir brauchen Zeit, gucken länger, überlegen länger, bevor wir handeln, und das finde ich positiv. Nur dass die Menschen schließlich völlig entscheidungsunfähig und damit auch beziehungsfähig werden, weil sie ihr Bauchgefühl verkümmern lassen, das kann keiner wollen. Sich aktiv gegen diesen Trend zu wenden, ist dann noch mal eine ganz andere Sache als die bloße Einsicht. Wenn mir einer vormacht, dass ich nur seine zehn Supertipps befolgen muss, um endlich eine Freundin zu finden, dann will ich das natürlich glauben, ganz egal, ob das unrealistisch ist. So eine Illusion aufzugeben, kostet richtig Kraft, und das geht auch nicht von heute auf morgen. Und bis man dann wirklich auf sich selbst vertraut, das braucht noch viel länger. Zwanzig Jahre hat es bei mir gedauert. Zwanzig Jahre, in denen ich still vor mich hin gelitten habe. Aber es hat sich gelohnt, dass ich mir die Zeit für diesen Entwicklungsprozess gegeben habe. Jetzt, da ich mich selbst im Griff habe, werde ich einfach planlos abwarten. Entweder läuft mir eine Frau über den Weg oder nicht; mein Seelenheil hängt nicht davon ab. Was ich wirklich will ist mein gemütliches Leben in jener großen Hippie-WG mit gelegentlichen Abstechern nach Afrika oder sonst wohin, ein wenig mehr Erleuchtung, meine Mitte und meinen Frieden. Eine Freundin wäre die Kür.

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