Anna (32), Architektin: Mein Umzug in eine WG war der Wendepunkt

Ich habe den Begriff Absolute Beginners vor ein paar Tagen das erste Mal gehört. Ich gehörte aber vor 9 Jahren zu den ABs und die Erinnerung ist immer noch schmerzhaft. Noch immer schäme ich mich zu erzählen, dass mein jetziger Partner mein erster ist. Ich war 24, als wir ein Paar wurden. Damals konnte ich außer einem ungenießbaren Kuss keine Erfahrung vorweisen.

Mein AB-Sein hat angefangen wie bei vielen anderen bestimmt auch. Ich hatte schon immer Schwierigkeiten, mich in Gruppen zu integrieren. Ich hatte immer 2-3 gute Freundinnen, aber mit Jungs zu sprechen, führte bei mir schon immer zur größten Verlegenheit. Ich hielt mich für langweilig und wusste nicht, worüber ich mit ihnen reden könnte. Dieses Gefühl, dass ich mein Gegenüber langweile, habe ich übrigens auch bei „coolen” Mädels. Wahrscheinlich spielt dabei mein Elternhaus eine Rolle: Mit meinem Vater ein Kontakt, der von Angst und dem Zwang, seine Erwartungen zu erfüllen, gekennzeichnet war. Mein Vater trat bei Konflikten immer den Rückzug an und sprach mit niemandem offen über Gefühle. Und ich habe eine Mutter, für die das allergrößte Maß war, was andere von uns denken. Hinzu kam eine über 5 Jahre andauernde Trennung der beiden ab meinem sehr sensiblen Alter von 11-12 Jahren. Sie hat aus mir, einer ein bisschen unbeholfenen Mitschülerin, eine richtige, ab und zu sogar gehänselte Außenseiterin gemacht, die sich aus Scham von den anderen fernhielt. Meine zwei besten Freundinnen erfuhren erst nach 5-6 Jahren von der Trennung. Meinem Partner gegenüber habe ich sie im 7. Jahr beiläufig erwähnt. Es war mir völlig unbewusst, wie stark ich die Sache heute noch verschweige.

Dazu, dass ich mich zurückgezogen hatte, kam meine sehr pickelige Haut. Meine Mutter, wahrscheinlich aus Scham und Angst von der Meinung der anderen, zwang mich ständig, zu Ärzten und Heilenden und sonstwas zu gehen. Nur das Gefühl gab sie mir nicht, dass ich trotzdem gut und schön und wertvoll bin, wie ich bin, und das Versprechen, dass die Pickel irgendwann verschwinden werden. Dabei habe ich mir schon in der Teenagerzeit „die Weisheit“ formuliert, dass es für das Selbstwertgefühl und Beliebtheit völlig egal ist, wie man aussieht, es ist nur wichtig, wie man von sich selbst denkt. Aber das lässt sich ja nicht so einfach steuern.

Seit ich 14 bin, habe ich mich nach einer Beziehung gesehnt. Ich hatte einige Dates, aber die Jungs waren mir nicht gut genug – entweder zu schüchtern und unbeholfen oder zu draufgängerisch. Ja, ich hatte hohe Ansprüche und hatte wenig Verständnis, wenn jemand genauso verlegen war wie ich. Aber ich habe es nie bereut, mit diesen Jungs keine Beziehung angefangen zu haben. Weil ich sie nicht respektieren konnte. Mein Traumpartner sah schon damals so aus: gefühlsvoll, zärtlich, mit einem gesunden Selbstbewusstsein und auf gar keinen Fall Muttersöhnchen. Ich wollte zu ihm aufblicken und mich an seine starke Brust anlehnen. Sehr lange dachte ich, dass die Kombination nicht existiert. Ich traf auch einige Jungs, die ein bisschen sympathisch waren, aber richtig gezündet hat es nicht. Und ich habe sie mit meiner ängstlichen Verschlossenheit und Distanziertheit unbeabsichtigt verjagt. Daraus habe ich abgeleitet, dass selbst wenn mein Traummann auftaucht, ich es mit ihm ganz bestimmt vermasseln werde.

Meinen ersten Kuss hatte ich mit 19 beim Uniball. Ich hatte keine Gefühle für ihn, wir saßen im Dunkeln am Rand der Tanzfläche und er hat seine Zunge so aggressiv in meinen Mund geschoben, dass er eher Ekel bei mir ausgelöst hat. Da habe ich mir geschworen, mein erster Sex wird nicht mit einer Zufallsbekanntschaft passieren. In der Zeit von 16 bis 24 war ich in zwei Männer platonisch verliebt. Einer war mein Lehrer im Gymnasium und dadurch für mich, das „gute Mädchen”, unerreichbar. Der andere ein Kommilitone, mit dem ich während der 6 gemeinsamen Studentenjahre keine 5 Sätze gewechselt habe, so stumm machte mich seine Anwesenheit. Aber ich träumte und blühte auf, wenn er mich doch mal anblickte.

Der Wendepunkt kam, als ich mit 24 für ein Erasmus-Praktikum aus meiner osteuropäischen Heimat nach Berlin kam. Ich zog in eine WG und nach anderthalb Monaten wurden einer der Mitbewohner mein Partner. Es ging nicht so einfach, wie es klingt… Einmal beim Sternegucken im Innenhof erstarrte ich förmlich von der Möglichkeit, dass er mich küssen könnte. Ich habe ihm auch keine ermutigende Signale gesendet und ihn in völligem Zweifel gehalten, ob ich ihn denn mag oder nicht. Obwohl er viel Beziehungserfahrung hatte, musste er diesmal all seinen Mut sammeln, um offen zu zeigen, dass er eine Beziehung mit mir will. Als ich aussprach, dass ich keinerlei Erfahrung mit Männern habe und er mich daraufhin küsste, fiel ein riesiger Stein von meinem Herzen. Ich erlaubte mir in den ersten 1-2 Monaten nicht zu glauben, dass die Beziehung länger dauern könnte. Ich dachte, bestimmt benehme ich mich wieder daneben, werde ohne Absicht distanziert und abweisend. Aber es ist nicht passiert und unsere Beziehung hält mittlerweile im 9. Jahr.

Ich weiß bis heute nicht, wie viel Anteil daran meine Gefühle hatten. Ich habe immer gezweifelt, ob das, was ich fühle, das hochgepriesene Verliebtsein ist. Die Schmetterlinge im Bauch fühlte ich nur vage. Aber mein Freund war, wie ich mir meinen Traumpartner vorgestellt habe: zärtlich, aber selbstbewusst, konnte über seine Gefühle reden und er liebte mich! Ich glaube, ich habe unfassbar Glück gehabt, beziehungsweise das Schicksal, an das ich glaube, hat es mit mir sehr gut gemeint. Ich habe schon als Kind nach einer Durchreise durch Berlin davon geträumt, einmal in dieser Stadt zu leben. Und wohin hat es geführt! Ich lernte meinen Partner auf dem einzigen Weg kennen, der für mich in dieser Lebensphase funktionierte – ungezwungen, einfach durch Zusammenleben in der Wohnung, mit allen Sonnen- und Schattenseiten, die man von den Mitbewohnern so mitbekommt. Ich machte mir nie Sorgen darüber, wie ich morgens aussehe, er sah mich ja schon so bevor wir zusammen waren. Wenn wir gedatet hätten, hätte ich wahrscheinlich aus lauter Angst seine Nachrichten nicht beantwortet…

Während meiner Außenseiter-Jugend und meines AB-Daseins über 20 stellte ich mir immer vor, dass es nur einen Meilenstein braucht, und dann bin ich von allen meinen sozialen Unzulänglichkeiten befreit. Und der Meilenstein, den ich am schmerzhaftesten vermisste, war natürlich eine Beziehung zu haben. Ich dachte, wenn ich einen Freund hätte, wäre ich sofort beliebt in meiner Schulklasse, hätte nie wieder Probleme, mit anderen Menschen, vor allem mit Männern, zu sprechen. Ich würde in Gesellschaft nie wieder unpassende oder schlecht getimte Bemerkungen machen, die mich vor Scham im Boden versinken ließen. Ich hätte nie wieder das Gefühl, dass das Gespräch in einer Gruppe tot zusammenklappt, sobald ich mich einklinke.

Und ihr könnt mir glauben, es ist völliger Quatsch. Natürlich bringt die erste Beziehungserfahrung eine richtige Erleichterung, was das Selbstvertrauen betrifft. Man muss nicht mehr erzählen, dass man keine/n Freund/Freundin hat, geschweige denn, noch nie eine/n hatte (ganz toll, z.B. beim Frauenarzt). Wobei es meine Selbstbewusstsein schwächte, dass ich bis vor kurzem glaubte: Er ist bestimmt der Einzige, der mich attraktiv findet. Die Ausnahme bestärkt ja die Regel.

Die sozialen Ängste löst eine Beziehung nicht. Ich fühle mich immer noch oft unsichtbar, als würden die Leute in einer Gruppe meine Stimme nicht hören, als würde der Barkeeper in einem Club mich glatt übersehen. Manchmal stelle ich jemanden Fragen, und während er antwortet, guckt er nicht mich, sondern meine Sitznachbarin an… Ich fühle mich immer noch minderwertig, wenn ich meine selbstbewussteren Bekannten und sogar einige Freunde treffe, die scheinbar diese sozialen Probleme überhaupt nicht haben. Es hilft aber enorm, dass mich mein Freund so annimmt, wie ich bin.

Durch mein mangelndes Selbstbewusstsein und aus Angst, meinen Partner zu verlieren und nie wieder jemanden zu finden, habe ich mich in den ersten Jahren meiner Beziehung ganz schön untergeordnet. Ich kannte meine Bedürfnisse nicht, ich klammerte nur. Und ich fühlte mich schlecht. Vom Glück, jemanden an meiner Seite zu haben, konnte ich mein Leben nicht mehr ernähren. Ich hatte Anfälle von Selbstbestrafung und öfter wünschte ich meinen Tod, ohne richtig Suizidgedanken zu haben. Eher: Wie schön wäre es, wenn mich heute ein Auto überfährt.
In so einem Tief habe ich mich an eine Therapeutin gewandt und über 3 Jahre wahnsinnig viel über mich gelernt. Und bin der Selbstakzeptanz ein ganzes Stück näher gekommen. Manchmal stört es mich gar nicht mehr, dass ich in einer Gesellschaft still in der Ecke sitze oder bei Tischgesprächen mich gar nicht beteilige. Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren. Meine Beziehungen (auch mit meinen Eltern) zu riskieren, indem ich meine Gefühle ausspreche, anstatt darauf zu achten, nur nicht jemanden zu verletzen.
Ich habe im 6. Jahr unserer Beziehung meinem Freund gesagt, dass ich zu ihm nicht mehr aufblicken kann und irgendwas sich ändern muss, sonst mache ich Schluss. Und es hat uns, nach dem ersten Schock, wahnsinnig gut getan.

Der Höhepunkt meiner persönlichen Entwicklung, die mit meiner Beziehung erst angefangen hat, kam letztes Jahr, als ich meinen Traum von einer mehrmonatigen Solo-Reise verwirklicht habe. Mein Partner hatte diesen Traum nicht und ich wollte ihn nicht überreden, so viel Geld und Zeit in eine Reise zu investieren. Also nach „unserem” vierwöchigen Urlaub gingen wir getrennte Wege – er flog nach Hause und ich nach Asien, für ein 6-monatiges Nichtwiedersehen. Wir hatten für diese Zeit eine offene Beziehung vereinbart. Wir durften mit anderen schlafen, aber keine ernsthafte Beziehung mit anderen anfangen. Wir haben wöchentlich telefoniert und einander in den schwierigen Momenten unterstützt.

Ich sammelte mit anderen ein paar sexuelle Erfahrungen. Eine davon nenne ich heute meine zweite, einwöchige Beziehung. Sie hatte in dieser kurzen Zeit Höhen und Tiefen, als hätten wir eine richtige, langjährige Beziehung in Zeitraffer durchlebt. Ich merkte, dass mich Männer durchaus attraktiv finden. Und zwar solche, die ich auch attraktiv finde. Ich habe mich mehr in sozialen Situationen ausprobiert und besser kennengelernt. Die Reise machte mich zu einem vollkommeneren Menschen, auch wenn ich größere Veränderungen erwartet hätte. Sie wirbelte meine Beziehung auf und brachte mich mit meinem Partner enger zusammen. Mittlerweile ist es mir nicht mehr wichtig, ob ich jemals in ihn verliebt war oder einfach nur dankbar, dass er mir Aufmerksamkeit schenkte und mich liebte. Jetzt haben wir eine gleichberechtigte Beziehung, wir können über alles, wirklich alles reden und ich bin der Überzeugung, dass wir füreinander geschaffen wurden. Zumindest wenn wir einander so viele Entwicklungsanstöße geben und gleichzeitig so viel Freiheit zugestehen können.

Ich will keine Ratschläge geben. Aber für mich stellte ich fest, dass die wichtigen Fortschritte in meinem (AB-)Leben kamen, als ich meinem Herzen folgte. Als ich etwas wagte. Oder als mich eine Idee, ein Traum oder eine Geschichte so faszinierte, dass ich an gar nichts anderes denken konnte. Als ich alleine ins Ausland zog, die für mich passenden Therapiemethoden entdeckte, meinen großen Traum von einer Weltreise verwirklichte. Wenn ich so auf meinem Weg unterwegs war und mich nichts davon abbringen konnte, dann fügten sich die äußeren Umstände und Wunder geschahen.

Von meinem AB-Leiden hat mich nicht meine Beziehung befreit. Sondern die innere Arbeit, die die Beziehung erfordert hat. Und diese innere Arbeit kann man schon vor der ersten Beziehung anfangen. Die wunden Punkte, nicht nur in Bezug auf das quälende Single-Leben aufspüren und heilen. Ich wünsche jeder und jedem, dass sich die so langersehnte Beziehung auf dem Weg ergibt.

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